24 Stunden Berlin – eine Preisverleihung, die im Gedächtnis bleiben wird

Ethik-Kurs (Q11: „Grenzen im Kopf“) 26./27. Januar 2017, Berlin


Pünktlich um acht Uhr morgens begann am Donnerstag, den 26. Januar 2017 für alle Schüler/innen des Gymnasiums Feuchtwangen der Unterricht.
Für alle Schüler/innen? – Nein, denn eine kleine Truppe von Oberstufenschülern der Ethik Q11 und deren Lehrerin Dr. Barbara Haas waren auf den Weg in unsere Bundeshauptstadt Berlin.

Die sechsstündige Zugfahrt bot noch einmal viel Platz für eine ausführliche Reflektion hinsichtlich unseres Projektes, mit dem wir uns jetzt über eineinhalb Jahre lang beschäftigt hatten. Zeitungsberichte hatten wir analysiert, zwei Exkursionen gemacht, Musikvideos geschnitten, Interviews geführt und eine Homepage mit großem Engagement gestaltet.

„Grenzen im Kopf – Wie fremdenfeindlich sind wir wirklich? Am Beispiel der Landeserstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge LEA in Ellwangen“, so hieß unser Projekt, mit dem wir uns über Monate beschäftigt hatten und für das wir jetzt von der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin geehrt werden würden.

Viel Zeit blieb nicht, da unser Aufenthalt in Berlin nur von kurzer Dauer sein würde. Aus diesem Grund ging es nach der Ankunft am Berliner Hauptbahnhof direkt in die Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Nach einem kurzen Imbiss begann die Preisverleihung. Der Schirmherr des alle zwei Jahre stattfindenden „Denkt@g-Wettbewerbs“, Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert, richtete seine Worte an uns, aber auch die Jurorin Frau Lala Süsskind, Vorsitzende des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus, sprach eindringlich zu uns Preisträgern über „Vergessen und Vergeben, Herz und Bildung“.

Unser Projekt „Grenzen im Kopf“ erhielt einen Anerkennungspreis für unser Engagement und unsere kritische Auseinandersetzung mit der aktuellen Thematik der Fremdenfeindlichkeit.

Die anderen Beiträge, die von Einladungen von NPD-Parteimitgliedern in den Unterricht über zeitgeschichtliche, interaktive Stadtführungen zu Holocaust-Mahn-Stätten bis hin zur Darstellung der Perversität im Umgang mit einem „Todesorchester“ in einer KZ-Einrichtung im Osten der Ukraine gingen, beeindruckten uns nachhaltig.

Aufheiterung inmitten all dieser düsteren Themen brachte die musikalische Umrahmung der Berliner Band „Flashback Monkeys“, die zeigte, dass ein unscheinbarer junger Mann im Rollstuhl zwischen den richtigen Bandkollegen und mit der richtigen Musik ein mitreißender, authentischer Leadsänger sein kann.



Den krönenden Abschluss des Abends stellte die Lesung und das Gespräch mit der Zeitzeugin und Überlebende des KZ Ausschwitz-Birkenau Frau Eva Schloss. Eva Schloss hat Anne Frank in Amsterdam kennengelernt. Beide Familien versteckten sich, wurden verraten und in beiden Fällen starben viele ihrer Familienmitglieder im Konzentrationslager. Nach dem Krieg heiratete Otto Frank Evas Mutter. Für Eva Schloss war Annes Tagebuch immer präsent, doch erst vierzig Jahre nach dem Krieg konnte sie anfangen selbst über ihre eigenen Erfahrungen zu sprechen.
Bemerkenswert an dieser Frau ist ihre Großzügigkeit, welche sich durch ihren Humor und ihre gutmütige Ehrlichkeit bemerkbar macht.
Ob sie den Deutschen, aber auch der Welt vergeben hat, erfährt man nicht, jedoch glaubt sie wieder an das Gute im Menschen, in uns. Und noch etwas, was ihr Stiefvater Otto Frank auf den Weg mitgegeben hat und was wahrscheinlich für jeden eine Wahrheit enthält: „Die Leute, die du hasst, die interessiert es gar nicht, aber dich selbst macht der Hass kaputt!“
Mit ihren achtundachtzig Jahren ist Eva Schloss noch ganz klar im Kopf und so auch ihre Botschaft, die da lautet: „Wir müssen aufpassen, auf uns, unsere Demokratie, unsere Toleranz und die Menschen um uns herum, damit sich dieses schreckliche Kapitel unserer Geschichte niemals so wiederholt!“   


Der zweite Tag unseres Berlin-Aufenthaltes begann bereits sehr früh mit der Teilnahme an der „Feierstunde anlässlich des 72. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslager Auschwitz“ im Deutschen Bundestag.
Unter dem besonderen Gedenken der Euthanasie-Opfer entstand ein Programm, welches durch die Reden des Bundestagspräsidenten Prof. Dr. Norbert Lammert , aber auch durch die Schilderung spezieller Schicksale die Zuschauer fesselte.
Den musikalischen Abschluss der Gedenkstunde bildete ein Hornist, der trotz seiner fehlenden Arme die Ventile seines Instruments mit seinen Zehen des linken Fußes bediente. Er spielte eine Komposition des Dodekaphonikers und Opfers der Euthanasie und ehemaligen Kompositionsschülers von Arnold Schönberg, Norbert von Hannenheim, dessen Oeuvre nie die Bekanntheit erlangen konnte, die ihr eigentlich zusteht.

Im Anschluss der Feierstunde nahm sich Prof. Dr. Norbert Lammert nochmals die Zeit, sich mit uns zu treffen und unsere Fragen zu beantworten.
Auf die Frage unseres Mitschülers Ismail, „ob durch die schwindende Zahl der Zeitzeugen die Erinnerung an die Kriegsverbrechen verblasse“, gab er als Antwort, „dass dies nicht passieren werde, da es Leute wie uns gibt, welche die Geschichte hinterfragen und sie auch verinnerlichen“.

Mit dieser Aussage verabschiedeten wir uns und hatten auf dem langen Heimweg zurück in unsere bayerische Heimat viele Eindrücke zu besprechen und zum nachdenken.

Die vierundzwanzig Stunden in Berlin kamen uns vor wie ein Traum - so vieles hatten wir gehört, erlebt, gesehen und so viele unglaubliche Persönlichkeiten in so kurzer Zeit getroffen.

Was wir mitgenommen haben? Eine ganze Menge!
Vor allem eine Botschaft, die oft Erwähnung fand, wird uns in Erinnerung bleiben:

Wir sind nicht verantwortlich für die Vergangenheit und nur begrenzt für das Heute, aber das Morgen, das liegt in unseren jungen Händen.

Jill Manhart und Sarah Bartmann, Ethik-Kurs (Q11)